Klever X-Speed Pinion (2020) – der Testbericht

Im Mai 2020 durfte ich das neue Klever X-Speed Pinion für 6 Wochen im Alltag nutzen. Da es zum momentanen Zeitpunkt kein weiteres S-Pedelec auf dem Markt gibt, welches über Nabenmotor, Riemenantrieb und einen vergleichbar großen Energiespeicher verfügt, war ich natürlich sehr enthusiastisch.

Zusammen mit Jens, der auch für den Zeitraum ein Bike gestellt bekam, teilte ich meine Eindrücke im pedelecforum.de.

Natürlich sind hier im Blog in dieser Zeit auch viele Posts über das X-Speed Pinion entstanden. Hier möchte ich den gesammelten Erfahrungen etwas Struktur verleihen und Interessenten einen geordneten Überblick über meinen Testeindruck geben.

Das Klever X-Speed Pinion: Die ersten Eindrücke und Fahrten

Im Artikel zum Testrad geht es um die optische Erscheinung und die Eindrücke auf den ersten paar Kilometern:

Was tun, wenn einem ein Speed-Pedelec vor die Tür gestellt wird, das seinesgleichen sucht? Ganz klar – erst einmal eine 50-km-Radtour mit der Familie unterhalb der 20 km/h-Grenze:

Meine erste ernstzunehmende Fahrt mit dem X-Speed im alltäglichen Pendeleinsatz wurde natürlich auch genauestens dokumentiert:

Falls euch die Details interessieren, hier noch ein kleiner Beitrag zum Thema…

Der Motor und die Motorsteuerung

Das 2020er X-Speed Pinion setzt wie alle Klever-Bikes auf ein hauseigenes Fabrikat: Den BIACTRON V2 mit einer angegebenen Leistung von 600w. Die vielbeworbenen „echten 45 km/h“ sind damit in der Ebene auch ohne Probleme zu erreichen. Der Fahrer kann hier zwischen drei Unterstützungsstufen wählen. Diese können in den Einstellungen noch etwas individualisiert werden. Fährt man auf Stufe 0, also ohne Unterstützung, liefert der Motor trotzdem einen minimalen Schub, welcher das höhere Systemgewicht kompensiert und ein dem normalen Fahrradfahren ähnliches Fahrgefühl erzeugt.

Wie bei jedem anderen S-Pedelec gilt allerdings auch beim X-Speed: der Gegenwind ist der größte Feind der Endgeschwindigkeit. Ein paar Schwächen zeigt auch die Motorsteuerung zum momentanen Zeitpunkt noch.

Pro:

+ 45 km/h in der Ebene mit geringer Eigenleistung möglich
+ starker Antritt
+ (nahezu) geräuschlos

Con:

– Motorsteuerung teilweise noch unausgereift
– bei stärkerem Gegenwind kommt der Motor an seine Grenzen

Details hierzu findet ihr in folgendem Artikel:

Das Pinion-Getriebe und der Gates-Riemen

Wie der Name schon vermuten lässt, verfügt das verbaute Pinion C1.12 über 12 Gänge, die so abgestuft sind, dass man eigentlich bei allen Geschwindigkeiten seine Wohlfühlkadenz findet. Tagesformabhängig kam es vereinzelt vor, dass ich zwischen zwei Gängen schwankte und mir sogar eine noch feinere Abstufung gewünscht hätte. Meckern auf hohem Niveau, aber definitiv möchte ich am X-Speed nicht weniger Gänge haben.

Mit dem Drehgriff der Pinion bin ich leider nicht wirklich warm geworden. Hier würde ich mir mehr Alternativen seitens des Herstellers wünschen.

Der Gates-Riemen hat seinen Job innerhalb des Testzeitraums ohne Auffälligkeiten bewältigt – So soll das sein, alles andere hätte mich auch stark erstaunt. Ob die Riemenlösung im Alltag taugt, zeigt sich hier natürlich erst im Langzeitverlauf.

Pro:

+ gut abgestufte 12 Gänge
+ leichtes Schalten mehrerer Gänge, auch im Stand
+ unauffälliger, wartungsfreier Riemenantrieb

Con:

– Drehgriff der Schaltung nicht optimal

Den ausführlichen Bericht zu Schaltung und Riemen findet ihr hier:

Das Akkusystem und die Reichweite

Das X-Speed Pinion wird mit dem momentan größten Klever-Akku mit 850 wh ausgeliefert. Mit maximaler Unterstützung ist dieser unter Normalbedingungen (Fahrt in der Ebene, wenig Wind) nach etwa 40 km leer. Im Gegensatz zu den meisten anderen SPed-Herstellern verzichtet Klever nach wie vor auf eine Vollintegrierung des Akkus in den Rahmen. Stattdessen findet dieser im Rahmentrapez auf einer Führungsschiene seinen Platz. Dies hat den positiven Effekt, dass die Klever-Akkus untereinander kompatibel sind und auch das Handling geht ohne Klappen, Rahmenlöcher und Akkuabdeckungen vonstatten. Sollte ein Akku nicht ausreichen, bietet Klever den „Range Extender“ an: Eine Gepäckträgertasche von Ortlieb (Front Roller), welche das gut geschützte Mitführen eines Zweitakkus erlaubt.

Das mitgelieferte 5A-Ladegerät pumpt den Akku schnell wieder voll, ist aber leider recht laut.

Pro:

+ problemlose Kompatibilität aller Akkugrößen
+ pragmatische Unterbringung im Trapez ohne Rahmenintegration
+ leistungsstarkes 5A-Ladegerät

Con:

– für Akkuentnahme und –einsetzen braucht man beide Hände
– Gefahr, beim Entnehmen oder Einsetzen des Akkus den Lack zu touchieren
– Steckverbindungen des Ladegeräts und des Akkus etwas fummelig
– lautes Ladegerät

Weiterführende Blogartikel:

Die Bremsen

Vorne arbeitet eine Magura e5 (4 Kolben), hinten eine Magura e4 (2 Kolben). Bremsen beide super, auch bei schlechten Witterungsverhältnissen. Die Geräuschentwicklung ist natürlich immer ne Sache. Mein Haibike (2x Magura e4) habe ich mittlerweile recht leise bekommen. Ich gehe also davon aus, dass das auch am Klever funktioniert.

Fahrverhalten und –komfort

Die verbauten Schwalbe Super Moto X-Mäntel sorgen in Verbindung mit der Rockshox Recon Air für ein sauberes Fahrverhalten: Das X-Speed liegt auf der Straße wie ein Brett. Die Diskussion, ob ein Asphaltrenner eine Federgabel nötig hat, wird seit Anbeginn der Geschichte der S-Pedelecs sehr emotional geführt. Nachdem mir das Vorderrad durch eine Unebenheit in einer Kurve weghüpfte und sich sehr komfortabel wieder einfangen ließ, möchte ich persönlich nicht darauf verzichten.

Pro:

+ sehr präzises, sicheres Fahrverhalten
+ komfortable Federgabel

Con:

– hoher Wartungsaufwand der Federgabel ggü. Starrgabel

Die Alarmanlage

Klever spendiert seinem X-Speed eine Alarmanlage mit Wegfahrsperre, welche mit einem kleinen HDMI-Dongle eingeschaltet und deaktiviert werden kann. Der Warnton der Alarmanlage ist so laut, dass ich meine Testversuche in der Umwelt immer relativ zügig abbrechen musste. Dennoch konnte ich ein paar Details zum Diebstahlschutz zusammentragen:

Die Klever-App

Die Klever Dashboard-App ist eine App für Android oder iOS, über die man sich noch weitere Werte anzeigen lassen kann, die auf dem LC-Display des Steuerungspanels keinen Platz finden. Es ist leider nicht möglich, die Motoreinstellungen über die App zu verändern.

Pro:

+ schnelle Bluetooth-Verbindung zum Bike
+ freie Anzeigenauswahl aus großem Pool an Werten

Con:

– nur „Anzeigenapp“, keine Änderung der Einstellungen per Smartphone
– manche interessante Werte stehen nicht zur Auswahl
– kein Fahrerprofil

Welche Werte alle in der App angezeigt werden und weitere Informationen findet ihr in folgendem Artikel:

Die Beleuchtung

Nach zwei Wintern mit dem S-Pedelec weiß ich, dass es zwei Arten von Fahrern gibt: Diejenigen, welche eine Beleuchtungsanlage mit Fernlichtfunktion haben. Und die, die nur im Sommer fahren.

Toll also, dass Klever das auch erkannt hat und seinen Modellen mittlerweile fast ausschließlich die Supernova m99 mini pro-45 spendiert – so auch dem X-Speed Pinion. Eine gute Wahl: Die Ausleuchtung lässt keine Wünsche offen. Selbst „nur“ mit Abblendlicht ist ein Fahren jenseits der 40 km/h kein großes Risikogeschäft.

Das X-Speed im Regen

In den durchaus zahlreichen Regentagen im Testzeitraum dachte ich gar nicht dran, das X-Speed zu schonen. Bei Schönwetter pendeln kann jeder. Bei Schietwetter auch – vernünftig ausgewählte Kleidung vorausgesetzt. Aber klar: jeder Hersteller, der sich damit brüstet, ein „Pendlerbike“ zu verkaufen, muss das Ding witterungsbeständig konstruieren. Und ja, Klever hat mit dem X-Speed Pinion ein S-Pedelec auf dem Markt, welches sich bei Regen genauso problemlos fährt wie bei Sonneschein. Es ist beim Bremsen nur etwas lauter (hallo Magura!).

Details zu meinen Erfahrungen mit Nacht- und Regenfahrten könnt ihr hier nachlesen:

Mein Fazit

Mit dem X-Speed Pinion hat Klever das erste S-Pedelec mit Riemenantrieb, Nabenmotor und ernstzunehmendem Akku auf den Markt gebracht und vieles richtig gemacht: Die optische Erscheinung gefällt, das Fahrgefühl vermittelt auch bei hohen Geschwindigkeiten Sicherheit und der 850wh-Akku sollte auch bei widrigen Bedingungen auf Distanzen bis 35km fürs ganzjährige Pendeln ausreichend dimensioniert sein.

Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein: Die Motorsteuerung ist noch nicht ausgereift (Klever ist dran), der Drehgriff der Pinion ist für mich keine optimale Lösung, das vordere Schutzblech flattert unschön umher und das Ladegerät ist für ein Premiumbike jenseits der 7000€-Marke schlicht zu laut.

Dennoch überwiegen nach den sechs Testwochen ganz klar die positiven Eindrücke: am meisten beeindruckt hat mich die komplette Wartungsfreiheit, trotz 1200km und vielen Regenfahrten: Die unkomplizierte Nutzung, welche man sich von der Kombination aus Nabenschaltung und Riemenantrieb erwartet, war im Testzeitraum gegeben – das SPed hat mich zu 100% zuverlässig transportiert.

Verglichen mit dem Standard-X-Speed von Klever schlägt die Pinion-Version mit einem Aufpreis von 1200€ zu Buche. Ob dieser vierstellige Betrag im Verhältnis zum reduzierten Wartungsaufwand steht, ist natürlich auch eine individuelle Geschichte. Fakt ist aber auch: wer die Mehrkosten nicht scheut, erhält ein Speed-Pedelec, das sehr viel Spaß macht, eine hohe Alltagstauglichkeit hat und bei dem man sich im Idealfall um nicht viel kümmern muss – vorausgesetzt, man vergisst nicht, den Akku abends ans Ladegerät anzuschließen.

Insgesamt hat Klever mit dem X-Speed Pinion ein S-Pedelec konstruiert, welches mit über 7000€ zwar einen stattlichen Anschaffungspreis hat, aber wenige Schwachstellen aufweist und zum momentanen Zeitpunkt einzigartig auf dem Markt ist. Die Konkurrenz (allen voran Stromer) scharrt allerdings bereits mit den Hufen und so ist es nur konsequent, dass Klever für 2021 bereits eine Version des X-Speed Pinion mit größerem 1200wh-Akku und leistungsstärkerem Motor in der Pipeline hat.

Abschließend nochmal die größten Plus-und Minuspunkte.

Pro:

+ großer Akku
+ wartungsfreier Riemenantrieb
+ auch bei Regenfahrten zuverlässig
+ hoher Schaltkomfort durch Pinion-Getriebe
+ schnelle Ladezeiten durch 5A-Ladegerät

Con:

– Ladegerät sehr laut
– Motorsteuerung noch nicht ausgereift
– Schaltung beim Pinion nur per Drehgriff möglich

Zu guter Letzt möchte ich dem Klever-Team noch ein großes Lob aussprechen: Die Art und Weise, wie der „Betatest“ von statten ging, angefangen von Erstkontakt per Mail, den Übergabeterminen und die gesamte Betreuung während des Testzeitraums waren durch die Bank klasse und Unkompliziert. Meine anfängliche Bitte, mir für die sechs Wochen noch einen Zusatzakku und ein zweites Ladegerät zu stellen, war überhaupt kein Problem. Daumen hoch, der Test hat unglaublichen Spaß gemacht!

Als ich abschließend drum bat, das Rad doch einfach bei mir zu lassen, haben alle nur gelacht. Das hat mich irritiert. Ich hab dann aus Unsicherheit einfach mitgelacht.

Veröffentlicht von speeder's corner

Betreiber von speederscorner.com - Blog für S-Pedelec-Kultur in Deutschland. Hier schreibe ich über die allgemeine Situation aber auch meine persönlichen Erlebnisse mit dem schnellen Pedelec im ganzjährigen Pendeleinsatz.

10 Kommentare zu „Klever X-Speed Pinion (2020) – der Testbericht

  1. Du schreibst von hohem Wartungsaufwand der Federgabel. Das hat aber keinen konkreten Hintergrund, oder? Ich lese von keinen Gabel-Problemen. Meine Federgabeln warte ich praktisch nie, außer sie zu reinigen und bei den luftgefederten alle paar Monate den Druck zu prüfen. Bei meinen ruppigen Wegen will ich eine Federung nicht missen! Aber das soll jetzt kein Start für eine Grundsatzdiskussion sein, zu diesem Thema gibt es wie so oft verschiedene Meinungen, und das ist natürlich völlig ok.

    Jedenfalls gefällt mir das Klever durchaus, abgesehen vom Preis (wahrscheinlich würde ich weiterhin die Variante mit Kettenschaltung bevorzugen). Habe nur Bedenken wegen der Bergtauglichkeit. Vielleicht läuft mir ein solcher Beta-Test auch mal über den Weg und ich kann das Klever über meine Heimat-Hügel jagen 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Hey Holzhai,

    nein, die Federgabel ist keine Schwachstelle. Das ist tatsächlich nur im Vergleich zur Starrgabel. Eine Federgabel kann sich nun mal zum Sensibelchen entwickeln, egal welches Fabrikat. Meine Suntour bekommt auch nicht mehr Liebe als deine. Probleme hatte ich damit auch noch nie – Ich möchte sie genauso wenig missen wie du. Aber mir ist bewusst, dass es nun mal ein weiteres teures Bauteil meines Rades ist, welches Wind, Wetter und im Ganzjahresbetrieb auch Salz ausgesetzt ist.

    Der Preis des Klevers ist natürlich schon ein Brett, da braucht man nix schönreden. Ich denke aber, dass sich einige Enthusiasten finden, welche das Geld ausgeben werden. Würde ich mir ein Klever kaufen, wüsste ich auch nicht, ob ich den Mehrpreis investieren würde. Reizen tät es mich allemal.

    Klever hat übrigens noch mehrere Betatests geplant. Ab und an mal hier reingucken:
    https://www.pedelecforum.de/forum/index.php?forums/klever-mobility.52/

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  3. Ich habe vergessen zu erwähnen, dass meine Federgabel bereits (auf Gewährleistung) repariert werden musste :-). Von wegen wartungsfrei. Du hast also recht.
    Außerdem ist unsere Gabel am Haibike nicht gerade die beste. Man könnte auch sagen, unter anderem daran werden sie gespart haben, um den Preis des Rades niedrig zu halten. Der Preis war aber eben der Grund, warum ich mir Klever & Co. gar nicht näher angeschaut hatte… Inzwischen würde ich für mein nächstes S-Pedelec aber bestimmt mehr ausgeben, ist einfach zu genial.
    Danke für den Tipp mit Klever Mobility! Vielleicht wollen sie ja mal explizites Bergstrampel-Feedback bekommen?

    Gefällt 1 Person

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