Wo ist sie denn nun, die Revolution?

Und da sind wir schon bei der alles bestimmenden Frage „what makes the X-Speed Pinion the X-Speed Pinion?„. Die Antwort – wenig überraschend – das Pinion-Getriebe! Und mit diesem einher gehend der Gates-Riemen, welcher die Kraft des Fahrers aufs Hinterrad leitet. Wahrlich eine Revolution. Waren doch bisher Hinterrad-Nabenmotoren untrennbar mit einer Kettenschaltung verheiratet. Die neue Kombination verspricht ein komfortableres Schalten bei praktisch wartungsfreiem Antriebsstrang. Aber wie sieht es in der Praxis aus? Blicken wir zunächst auf…

das Pinion-Getriebe

Natürlich ist das dreckig. Das ist ja hier auch kein Showroom, sondern ein Praxistest!

Übersetzungsverhältnis

Im Klever X-Speed Pinion kommt die Pinion C1.12 zum Einsatz. Am wichtigsten beim SPed-Pendeln ist ganz klar die individuelle Wohlfühlkadenz bei Höchstgeschwindigkeit. Während meines Tests bin ich hier meist im 10. Gang gefahren. Auf ~45 km/h ist man hier mit einer Kadenz um die 70 unterwegs. Ab und an gab es Phasen, in denen ich zwischen 10 und 11 hin und her sprang, weil keiner meiner Tagesform und den Witterungsfaktoren zu 100% entsprach. Nach meinem unfreiwilligen Kreisverkehr-Malheur und eines etwas beleidigten Knies konnte ich immer noch im 11. Gang mit schonender Trittfrequenz ohne Probleme weiterpendeln. Der 12. Gang wurde nur zu rein wissenschaftlichen Zwecken eingelegt – in der Praxis spielte er für mich keine Rolle.

Schaltkomfort

Meine Damen und Herren! Die Pinion beseitigt einen NERV-Moment des Pendelns, den ich jetzt, ca zwei Wochen nach der Rückkehr auf die Kettenschaltung, immer noch schmerzlich vermisse. Ihr kennt das: man fährt auf eine Kreuzung zu, nimmt die Geschwindigkeit raus und schaltet auch ein paar Gänge runter, um gleich wieder beschleunigen zu können, sollte kein Verkehr auf der Vorfahrtstraße kommen. Tja, oftmals auch falsch gepokert: Es kommt doch ein Verkehrsteilnehmer und man muss drastisch bremsen oder gar anhalten – keine Zeit, hier noch die Kettenschaltung zu bemühen. Fluchend wird mit viel zu hohem Gang weitergefahren.

Mit der Pinion ist dieses First-World-Problem Geschichte! Einfach im Stand runter auf den Anfahrgang schalten und weiter geht’s.

Auch sonst ist die Pinion ohne Tadel: große Gangsprünge werden ohne Murren absolviert. Zu Anfang ging der Gangwechsel teilweise etwas schwer von der Hand, aber nach etwa 100-200 km war das Getriebe eingefahren und tat, wie man ihr hieß. Etwaige unbeabsichtigte Sprünge und Schaltfehler hatten ihre Ursache nicht im Getriebe sondern gingen auf…

die Handhabung

Die Pinion wird mittels eines Drehgriffs angesteuert. Alternativen gibt es nicht. So überzeugt, wie ich von dem Schaltgetriebe bin, aber das stört mich. Der Drehgriff nimmt etwa 2/5 des kompletten rechten Griffs ein:

Selbst, wenn man mit der Hand möglichst weit außen greift: Immer hat man einen großen Teil des Schaltgriffs in der Hand. Nun ist man beim Radfahren kontinuierlich in der Bewegung und auch die Hände klemmen nicht statisch am Lenker, sondern gleichen die Bewegungen des Fahrers aus. Somit bewegt man auch immer minimal den Schaltgriff und damit die Züge, welche die Schaltvorgänge im Pinion-Kasterl zwischen den Füßen steuert. Grob geschätzt alle 15 km hatte ich hierdurch einen fehlerhaften Schaltvorgang, welcher sich natürlich unter Volllast mit einem lauten Schlag bemerkbar machte.

Auch sonst bin ich vom Drehgriff der Pinion recht genervt: Bei Regen zu slippery, ansonsten auch immer unter Belastung. Das wünsche ich mir besser. Aber: Rettung naht! Tout Terrains Untermarke Cinq bringt tatsächlich eine Trigger-Schaltung für Pinion-Getriebe auf den Markt. Zwei Fragen hierzu. Erstens: Vierhundert Euro?! Zweitens: Warum muss da erst eine Drittfirma kommen?

Der Gates-Riemen

Was soll man hier groß schreiben? Dort, wo normalerweise eine Kette sitzt, hat ein Carbon-Riemen der Firma Gates seinen Platz gefunden. Um die optimale Riemenspannung zu gewährleisten, sitzt hinter dem vorderen Riemenblatt eine Umlenkrolle:

Klar, ein Riemen wird nie den gleichen Wirkungsgrad wie eine Kette hinsichtlich der Kraftübertragung erreichen. Da jedoch der Bärenanteil direkt durch den Motor im Hinterrad geleistet wird, ist dies bei dieser Antriebsart zu vernachlässigen. Viel wichtiger wiegen: Wartungsfreiheit und kein Dreck durch Kettenschmiere. Dafür ein eindeutiges Daumen hoch!

In den sechs Wochen des Testzeitraums bestach der Riemen ehrlich gesagt durch gänzliche Unauffälligkeit. Mehr kann in diesem kurzen Zeitrahmen auch nicht verlangt werden.

Fazit

Hinsichtlich Wartungsaufwand und Bedienungskomfort hebt die Kombination aus Pinion und Gates das S-Pedelec tatsächlich auf ein höheres Level.

Die Gangabstufung der Pinion C1.12 reicht in den meisten Alltagssituationen aus, manchmal würde man sich jedoch eine feinere Abstimmung wünschen, beispielsweise mit der P1.18.

Die Möglichkeit, unmittelbar und auch im Stand Sprünge über mehrere Gänge zu absolvieren ist gerade fürs S-Pedelec genial, da sich hier oft schnell an große Geschwindigkeitsunterschiede angepasst werden muss.

Eine Alternative zum Drehgriff würde ich mir wünschen. Oder zumindest die Möglichkeit, eine Version zu wählen, der nicht so einen großen Teil des rechten Handgriffs einnimmt.

Der Gates-Riemen verrichtet seinen Dienst ohne Auffälligkeiten. Der niedrigere Wartungs- und Pflegeaufwand, gerade nach Regenfahrten, ist äußerst reizvoll. Ob diese Alternative zur herkömmlichen Kette jedoch auch durch Zuverlässigkeit besticht, wird sich erst nach fünfstelligen Kilometerlaufleistungen zeigen.

Abschließend: Gegenüber dem Standard-X-Speed schlägt die Pinion-Version (2020) mit einem Aufpreis von 1200€ zu Buche. Kein geringer Betrag für eine bessere Schaltung und Wartungsfreiheit beim Antriebsstrang. Aber man erhält dafür Features, welche den Alltag des Pendelns mit S-Pedelec ab dem ersten Kilometer spürbar komfortabler gestalten. Ich freue mich schon auf die ersten Langzeiterfahrungen der Nutzer und hoffe, dass Superheld Pinion mit Sidekick Gates auch noch nach tausenden Kilometern ihre Versprechen halten können!

2 Kommentare zu „Wo ist sie denn nun, die Revolution?

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