Die Revolution von außen

Seit gut zwei Jahren verwende ich ein S-Pedelec statt des Autos zum pendeln. Vor einem Jahr habe ich in einem Artikel geschrieben, weshalb ich überzeugt von diesem Verkehrsmittel bin, aber auch, warum die Verbreitung dieser Fahrzeuggattung in Deutschland so verschwindend gering ist.

Verkehrspolitisch ist in diesen zwei Jahren grob gesagt nix geschehen, was die Situation der S-Pedelecs in Deutschland verbessern würde. Abgesehen von zwei einzelnen Politikern, die durchgesetzt haben, dass SPeds in NRW jetzt auch in die Bahn dürfen oder die einen Feldversuch mit S-Pedelecs auf Radwegen gestartet haben, wird das große Potenzial der schnellen Ebikes nach wie vor politisch ignoriert oder pauschal abgewiegelt.

Und eines ist unbestreitbar: Der Grund, weshalb die Anzahl der S-Pedelec-Fahrer in Deutschland so klein ist, ist einzig und allein der verkehrspolitischen Situation geschuldet.

Ist das ein Bosch Powerpack? Ich glaube: ja.

Wie ist diese also zu ändern? Hofft man auf die „Revolution von oben“, also dass das Verkehrsministerium die großen Vorteile des S-Pedelecs erkennt und dementsprechend die Regularien anpasst? Wohl kaum. Die Minister sind viel zu sehr damit beschäftigt, möglichst medienwirksam Männchen vor der Automobilindustrie zu machen.

Die „Revolution von unten“ findet statt – aber natürlich in überschaubarem Maße. Es gibt durchaus eine feste, überzeugte Nutzercommunity der schnellen Ebikes in Deutschland. Auch ich versuche in diesem Blog meinen Teil dazu beizutragen, Interessenten zu zeigen, dass das SPed auch in Deutschland eine hohe Alltagstauglichkeit hat und eine Bereicherung ist. Dennoch lassen sich die meisten potenziellen Fahrer von der unheiligen Dreifaltigkeit „Ich darf nicht auf den Radweg – ich muss einen Helm tragen – da brauch ich ja eine Versicherung“ schon abschrecken, bevor sie überhaupt mal im Sattel gesessen sind.

Weder von der Politik noch von der Basis sind also große Quantensprünge zu erwarten. Es bleibt also nur eine große Hoffnung: sich an den Ländern ein Beispiel nehmen, welche sich wesentlich progressiver mit den neuen technischen Möglichkeiten auseinandersetzen und nicht krampfhaft an alten Reglementierungen festhalten. Der Idealfall: Wenn das S-Pedelec sich dort weiter als fester Baustein im Verkehrsalltag etabliert, kann die Politik im eigenen Land irgendwann nicht mehr die Augen davor verschließen und ist endlich gezwungen, sich auch mal etwas zu bewegen. Ich nenne es liebevoll die „Revolution von außen“.

Glücklicherweise grenzt Deutschland an drei Länder, welche mit vielversprechenden Programmen dafür gesorgt haben, dass das S-Pedelec sich dort bereits schon etabliert hat:

Die Niederlande

In dem fahrradaffinen Land sah der Gesetzgeber bereits 2017 mit der steigenden Anzahl an S-Pedelecs Handlungsbedarf und hat es wie Deutschland, ganz im Sinne der EU, als „Moped“ klassifiziert. Allerdings haben diese dort ein paar Sonderregeln:

  • Verbot der Mitbenutzung von Radwegen
  • Radwege, die für Mopeds freigegeben sind, dürfen befahren werden (innerorts 30, außerorts 40 km/h)
  • Helmpflicht: Mopedhelm oder Speed-Pedelec-Helm

Ganz genau: statt wie in Deutschland nach Einführung der S-Pedelec-Helmpflicht einfach aufzustehen und den Raum zu verlassen, haben die Verantwortlichen in den Niederlanden tatsächlich eine neue Norm für Fahrradhelme geschaffen, welche für höhere Geschwindigkeiten ausgelegt sind: Die mittlerweile auch über die Grenzen hinaus bekannte Norm NTA 8776.

Auch das Pendelkonzept, welches der Flughafen Schiphol kürzlich vorgestellt hat, zielt auf S-Pedelecs. In Deutschland undenkbar. Man stelle sich vor, München würde etwas vergleichbares zum MUC planen – abseits des 1. Aprils unvorstellbar!

Die Schweiz

In der Schweiz sind S-Pedelecs im weitesten Sinne normalen Fahrrädern gleichgestellt und waren dadurch schon sehr früh so weit verbreitet, dass sich sogar das Synonym „Schweizer Klasse“ für S-Pedelecs entwickelt hat. In der Schweiz gilt:

  • Radwegepflicht
  • Kindersitz erlaubt
  • Lasten- und Kinderanhänger erlaubt
  • Fahrradhelmpflicht

weitere Details können der informativen Seite PedeLAW entnommen werden.

Diese Freiheiten haben deutliche Folgen auf die Verkaufszahlen: während in Deutschland der Anteil verkauften S-Pedelecs seit Jahren zwischen 0,5 und 1,5% mäandert, sind es in der Schweiz 15%.

Die Radwegepflicht wird mittlerweile kontrovers diskutiert, da es den SPeds dadurch nicht erlaubt ist, innerstädtisch auf der Fahrbahn zu fahren und die Konflikte auf intensiv genutzten Radwegen zunehmen.

Hier ein Radweg für wenig Konflikte. (Beispielbild)

Belgien

Was das Schaffen von begünstigenden, vorausschauenden Rahmenbedingungen angeht, macht den Belgiern niemand was vor: als die EU vor einigen Jahren entschied, S-Pedelecs europaweit als „Mopeds“ einzustufen (L1e-B), wurde hier in Belgien ein Sonderweg beschritten und die Unterklasse „P“ für schnelle Pedelecs eingeführt. Dies erlaubt beispielsweise den Kommunen, Wege explizit für SPeds freizugeben oder diese auszuschließen. Ansonsten gilt für die Radwegenutzung:

  • Ist die Höchstgeschwindigkeit auf der Straße unter 50 km/h, kann man frei zwischen Fahrbahn und Radweg wählen
  • Bei einem höheren Tempolimit muss der Radweg befahren werden

Außerdem erlaubt es die „P“-Klassifizierung den Belgiern, für S-Pedelecs die gleichen staatlichen Förderprogramme in Anspruch zu nehmen, welche auch normalen Fahrrädern oder Pedelecs vorbehalten sind – was im Jahr gut und gerne vierstellige Einsparungen bedeuten kann.

Auch an anderer Stelle befasst man sich konstruktiv mit den Möglichkeiten, welche die schnelle Ebike-Gattung bietet. So lief 2018 das flämische Projekt 365SNEL zur Untersuchung der Alltagstauglichkeit von S-Pedelecs im Pendelverkehr an.

…und in Deutschland?

Die Situation in 2020 stagniert. S-Pedelecs werden ab und an in der Presse thematisiert, meist aber mit negativem Fazit. Die einzigen, die um das Potenzial und die Alltagstauglichkeit wissen, sind die SPed-Nutzer selber, für die meisten anderen ist das Thema ein verschlossenes Buch.

In der Praxis bedeutet dies nach wie vor:

  • Möchte man das S-Pedelec zu 100% regelkonform verwenden, hat man sich die Fahrspur mit Autos und LKW zu teilen, die außerorts schon mal mit einer Geschwindigkeitsdifferenz von 40-80 km/h überholen.
  • Inner- wie außerorts wird man auf den Radweg gehupt, falls vorhanden. Knappes Überholen und Scheibenwischanlage zur verkehrserzieherischen Selbstjustiz sind an der Tagesordnung.
  • Bei einer Verkehrskontrolle ist man aufs Wohlwollen der Beamten angewiesen. Hier gibt es einerseits viel Verständnis, gerade wenn man den leeren Radweg neben einer Landstraße nutzt. Andererseits kann man natürlich auch an einen Pedanten geraten, der sich daran aufhängt, dass man keinen Integralhelm oder den Cratoni trägt.
  • Fahrradanhänger, die WIE JEDER AUTOANHÄNGER AUCH die Höchstgeschwindigkeit beschränken, dürfen am S-Pedelec nicht genutzt werden.(vermutlich, weil ein S-Pedelec nicht langsamer als 45 km/h fahren kann? Ich weiß es nicht…)

Vieles bei den genannten Punkten scheint mir als Nutzer, aber sicher auch dem Leser ohne S-Pedelec-Erfahrung sehr widersinnig. Der komplette Unwillen der Politik, hier sinnvollere Regelungen zu schaffen, ist unter den Umständen sogar verständlich: Warum etwas ändern, wo es doch gar keine große Nutzergemeinschaft (sprich: Wählerstimmen) gibt, die davon profitieren würden? Und da beißt sich die Katze in den Schwanz:

Keine S-Pedelecfahrer – kein politischer Druck –

keine Änderungen – keine S-Pedelecfahrer

Daher ruht meine letzte Hoffnung auf unsere europäischen Nachbarn. Die Voraussetzungen dort stehen gut, die Nutzerzahlen der schnellen SPed-Piloten geht in die Höhe. Wenn irgendwann die Erfolgsgeschichte groß genug ist, wächst der Druck auch hier, nach Jahren des Schlafens vernünftige Konzepte zu finden.

Nicht zuletzt die große deutsche Zweiradindustrie würde es danken.

Anmerkung: ich bin privater Blogger, kein Journalist. Meine Artikel stützen sich auf eigene Erfahrungen und Recherche im Internet. Ich versuche, hierbei möglichst verlässliche Quellen zu nutzen, kann aber natürlich nicht versprechen, dass mir mal die ein- oder andere fehlerhafte Information reinrutscht. Falls euch etwas in die Richtung auffällt, teilt es mir gerne mit.

Quellen:

https://www.sazbike.de/markt-politik/elektromobilitaet/leva-eu-fordert-europaeische-union-zu-kurswechsel-s-pedelecs-2507246.html

https://365snel.net/

https://radmarkt.de/nachrichten/symposium-thema-s-pedelec-rechtlicher-status-marktposition

7 Kommentare zu „Die Revolution von außen

    1. Was wir tun können? Uns vernetzen, eine starke Community im Onlinebereich bilden. Foren und soziale Netzwerke dafür nutzen. Und im weiteren Schritt, wie Martin weiter unten sagt: über ne offizielle Interessengemeinschaft nachdenken.
      Was jeder einzelne S-Pedelec-Fahrer unabhängig davon tun kann (und generell auch sollte): sich als „Markenbotschafter“ im Verkehr sehen. Extrem vorausschauend und degressiv fahren – insbesondere bei Radwegenutzung! Prophylaktisches Bremsen, auch wenn das nie Spaß macht. Mit den Leuten in Kontakt gehen. Bedanken beim (nicht zu schnellen) Überholen. Wenn die Autofahrer aggressiv reagieren: Ärger runterschlucken. Deeskalieren. An der Ampel das Gespräch suchen (es sei denn, es war wirklich grob fahrlässig), Situation erklären.
      Oh mann, ich muss bald nen neuen Artikel schreiben 🙂

      Gefällt mir

  1. Wieder einmal Danke für den tollen Bericht. Da brauche ich bald selbst nix mehr schreiben;) Ich habe mich übrigens auch für einen „NTA Helm“ entschieden (Uvex city9). Man Merkt ihm schon an, dass er für höhere Aufprallgeschwindigkeiten getestet wurde. Gibt mir ein gutes Gefühl.
    Am besten wäre ja wirklich die „gesunder Menschenverstand“ Lösung für das S. So wie es wahrscheinlich die meisten S-Pedelec Fahrer eh machen. Wenn es gefährlich wird auf den Radweg, ansonsten auf die Straße. Ich fahre mittlerweile meine 5 Stadtkilometer der Pendelstrecke halb und halb, weil ich die Erzeihungsmaßnahmen der Autofahrer echt leid bin.

    Mach weiter so. Wir sollten wirklich üner die Gründung einer Bürgerinitiatve /IG oder dergleiche nachdenken.

    Gefällt 3 Personen

    1. Obwohl ich den Cratoni nie auf hatte, bin ich auch auf nen NTA-Helm gegangen. Würde ich vermutlich auch, wenn ich ein L1e-b fahren würde.
      Ich finde den belgischen Ansatz am sinnvollsten. Sich an den Geschwindigkeitsdifferenzen zu orientieren, geht ja auch in die Richtung „gesunder Menschenverstand“.
      Auf meiner Pendelstrecke hab ich gottlob <10% Stadtverkehr (und dann auch noch "Stadt", nicht "Großstadt"). Meine kürzeste Streckenvariante führt mich allerdings über eine Brücke: einspurig in jede Richtung, außerorts ohne Tempolimit, durchgezogene Linie, schmaler Radweg hinter der Leitplanke. Jede zweite Fahrt ne Gefahrensituation. (Licht-)Hupe, Überholen, aus dem Fenster angeschrien werden – alles dabei. Brauch nicht erwähnen, dass ich die Route nur bei akutem Zeitmangel fahre…
      Oh ja, und Martin: Bitte poste fleißig weiter! Erstens lese ich Deine Artikel gerne. Zweitens: jede Stimme ist wichtig!

      Gefällt 1 Person

  2. Danke, dass du mir Hoffnung machst – mit der Revolution von außen 🙂 Allerdings könnte es eine zähe Sache werden. Andere Länder sind bei anderen Themen auch schon viel weiter (z.B. Digitalisierung, Auto-Mobilität, Schulen), ohne dass uns das besonders „beeindruckt“.
    Aber steter Tropfen höhlt den Stein… Dann tropfen wir mal schön weiter auf unseren Speedys herum!
    Und wie Martin sagt, wenn wir mit gesundem Menschenverstand unterwegs sind, dann können wir vielleicht ein paar andere überzeugen, dass Speedbikers nicht nur böse sind sondern diese Räder auch sinnvoll sein können.
    Jedenfalls bin ich heute wieder mit einem Lächeln am Stau vorbeigefahren – immer schön freundlich sein 😉

    Ach ja, und doch noch einen Verein gründen? Auf den Aktionen hier bei uns, mit Pop Up Bike Lanes und anderen tollen Ideen, kam ich mir als Speedbiker recht einsam und argwöhnisch beäugt vor. Schade!

    Gefällt 1 Person

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