Warum das S-Pedelec als Verkehrsmittel nix taugt

die Urversion dieses Artikels veröffentlichte ich im März ’19 auf pedelecforum.de

Spedelec-Pedelec.png

Liebe Leser,

auf dem eingefügten Bild seht ihr zwei Fahrräder der Marke Haibike. Abgesehen von ein paar Details sind diese nahezu baugleich. Natürlich gibt es die ein oder andere, kleinere Abweichung im Bezug der verbauten Komponenten aber im Großen und Ganzen würde mir jeder beipflichten, wenn ich sage, dass der relevante Unterschied in der Unterstützungsabriegelung bei 25 beziehungsweise 45 km/h besteht.

Wen die Details interessieren, der kann sich in den Fußnoten gerne hier die Spezifikationen beider Modelle ansehen(1).

Ich bin nun seit Mai 2018 mit dem oben abgebildeten 45er-Vehikel unterwegs und dabei überwiegend begeistert. Ich nutze das S-Pedelec zu über 95% fürs tägliche Pendeln, mein Arbeitsweg beträgt 25km einfach im ländlichen Raum.

Meiner persönlichen Erfahrung nach handelt es sich bei der Kategorie der sogenannten „S-Pedelecs“ um ein Verkehrsmittel, welches im alltäglichen Pendelverkehr ein unglaubliches Potenzial hat. Mittlerweile ist die Antriebs- und Akkutechnik soweit, dass ich dem S-Pedelec eine große Alltagstauglichkeit in der breiten Gesellschaft zuschreibe, solange folgende Rahmenbedingungen gegeben sind:

  • Pendelstrecken von 15 – 35 km
  • Viel Überland-, wenig Stadtfahrten
  • Die Möglichkeit, das Rad an der Arbeitsstelle sicher zu verwahren und nachzuladen

Kein anderes Verkehrsmittel des Individualverkehrs kommt an die Energiebilanz eines S-Pedelecs heran, was natürlich vorwiegend daran liegt, dass nur Fahrergewicht plus ca 30kg bewegt werden und nicht, wie beispielsweise beim Auto, Fahrergewicht plus 1,5 Tonnen.

Je länger die Zeit ist, die ich mich mit meinem Fahrrad befasse und in der ich in den einschlägigen Foren die Diskussionen, die Fahrrad- und Komponentenhersteller, die Händler und die Journaille beobachte, welche sich ja auch ab und an mit dem Thema „S-Pedelec“ befasst, desto öfter platzt mir die Hutschnur, wenn ich merke, auf welchen Wegen die Gattung der schnellen Pedelecs durch teils unglaublich widersinnige Vorschriften klein gehalten wird. Falls ich also in den folgenden Zeilen etwas in Rage gerate oder in die Polemik abschweife, bitte einfach zurücklehnen und genießen.

Woran liegt es also, dass nicht jeder, auf den die oben genannten Rahmenbedingungen zutreffen, morgens auf seinem S-Pedelec mit guter Laune in die Arbeit segelt? Ich hab da mal was vorbereitet:

1.: Die Fahrrad- und Komponentenhersteller

Laut ZIV belief sich der Anteil der S-Pedelecs am E-Bike-Sektor im Jahr 2017 auf 1% (2). Klar, dass es sich da viele Komponentenhersteller zweimal überlegen, ob sie ihre Produkte da noch gesondert für die 45er-Klasse zertifizieren lassen, kostet ja alles Geld. Und bei den Fahrradherstellern sieht es ähnlich aus. Ein Massenhersteller wie Haibike hat 2019 gut 100 verschiedene Modelle auf den Markt geschickt. Zwei davon sind S-Pedelecs, beide Trekkingmodelle. Einziger Unterschied: Eins ist Bosch, das andere Yamaha.

Weiteres Beispiel gefällig? Warum ist wohl an den oben abgebildeten Rädern der leistungsfähigere, für hohe Geschwindigkeiten weitaus geeignetere Lupine- Scheinwerfer nur am 25er-Modell verbaut? Naa? Genau.

Das alles streckt sich über die Auswahl der Modelle bis über alle Komponentengruppen. Lampen, Vorbau, Bremshebel (!), Mäntel… Kurz: Alles, was die Anpassung des Gefährts an den individuellen Bedürfnissen des Besitzers ermöglicht, erfährt drastische Einschränkungen, sowohl durch COC (das ist der „Fahrzeugschein“ eines S-Pedelecs, in dem alle vom Hersteller erlaubten Veränderungen niedergeschrieben sind) als auch durch das Angebot am Markt.

2.: Die Anhängersituation

Entgegen der landläufigen Meinung ist es nicht verboten, ans S-Pedelec einen Anhänger zu hängen. Es gibt nur keine zugelassenen Anhänger oder Anhängerkupplungen (siehe Punkt 1)! Bei meiner Recherche bin ich übrigens auf eine uralte Moped-Kupplung gestoßen, die man mittlerweile auf Ebay für irrwitzige Beträge erstehen kann, weil sie noch für motorisierte Zweiräder zugelassen ist. Ich fand das allerdings schon so albern, dass ich nicht weiter gründelte, ob diese Kupplung dann auch irgendwie ihren rechtmäßigen Weg an ein S-Pedelec finden kann.

Anders sieht es freilich mit Kinderanhängern aus. Die dürfen von Gesetz wegen überhaupt nicht am S-Pedelec betrieben werden.

Nochmal zur Verdeutlichung: Mit dem Fahrrad oben links im Bild darf ich meine Kinder zum Kindergarten bringen, mit dem baugleichen Fahrrad oben rechts nicht, weil es mir der Gesetzgeber anscheinend nicht zutraut, meine Geschwindigkeit auf 25 km/h zu reduzieren. Mit 250 km/h auf der Autobahn und drei Kindern im Kindersitz ist hingegen völlig normal. Warum fällt eigentlich niemandem auf, wie bescheuert das ist?

3.: Mitnahme im ÖPNV

Wie erwähnt, unterscheiden sich Pedelec und S-Pedelec hinsichtlich Abmessungen und Gewicht nur durch das kleine Nummernschild voneinander. Dadurch, dass es sich bei letzterem aber um ein KFZ handelt, darf ich es rechtlich gesehen nicht mit in den Zug nehmen.

Ohne Witz, dies ist die offizielle Begründung der deutschen Bahn!

Immerhin: Nachdem letztens eine Politikerin der Grünen mit ihrem S-Pedelec aus dem Zug geworfen wurde, tut sich zumindest in Niedersachsen was – hier dürfen bald schnelle Pedelecs in Zügen mitgenommen werden. Auch, wenn das dortige Verkehrsministerium das bisherige Verbot hanebüchen damit begründet, früher seien S-Pedelecs ja viel schwerer und größer als normale Fahrräder gewesen. Erstens: Mir ist kein S-Pedelec bekannt, auf das dies zutreffen würde. Zweitens: Wäre die Größe tatsächlich der Grund, wieso dürfen Tandems dann mitgenommen werden?

Aber gut, zumindest ist hier etwas Bewegung zu erkennen. Ich hoffe, auch die anderen Bundesländer nehmen diesen Fall zum Anlass, ihre widersinnigen Transportvorschriften zu überdenken.

4.: die Infrastruktur

Kommen wir zum großen Finale: Wer sich als S-Pedelec-Fahrer die zweispurige Landstraße mit 100 km/h fahrenden KFZ und 80 km/h fahrenden LKW teilt, der muss lebensmüde sein. Ich gehe soweit, zu sagen: Wenn sich der Gesetzgeber SO die korrekte Nutzung dieses Verkehrsmittels vorstellt, dann können wir es gleich bleiben lassen, dann machen wir ein generelles Verbot schneller Pedelecs. Dieselfahrverbote und Hybrid-SUV-Subventionen werden das mit der Verkehrswende schon alleine schaffen.

Spaß beiseite, es ist und bleibt der Knackpunkt beim S-Pedelec fahren. Ich denke, viele meiner Pendelkollegen erkennen sich wieder, wenn ich sage: Es ist ein ständiges Abwägen, ob man in bestimmten Situationen seine Sicherheit aufs Spiel setzt oder eine Verwarnung in Kauf nimmt, weil man den Radweg benutzt. Und ja, in so vielen Situationen wäre der Radweg oder der asphaltierte Feldwirtschaftsweg die einzig sinnvolle Lösung. Nicht nur für den Radfahrer, sondern auch für den Straßenverkehr. Natürlich hat kein Autofahrer Bock, auf seinem Arbeitsweg ständig auf 45 km/h runterbremsen zu müssen. Hab ich ja auch nicht, wenn ich mal hinter dem Lenkrad unterwegs bin. Aber so oft und vehement man darüber streiten kann, ob Radwege der richtige Ort fürs S-Pedelec sind: Die Landstraße ist es definitiv nicht!



Zusammenfassend 
muss ich erwähnen, dass ich mich mit nur knapp zwei Jahr als S-Pedelec-Pendler und 8000 km Erfahrung noch bei den Greenhorns einordne. Dennoch bin ich mir sicher, dass die drei angesprochenen Faktoren die Hauptgründe für die geringe Nutzung dieser Fahrzeuggattung in Deutschland sind. Ohne Frage ist die Infrastruktur hierbei der wichtigste Faktor und wenn sich hier nichts ändert, dann bleiben wir in unserem Nischendasein verhaftet und der Rest der Bevölkerung steigt morgens brav wieder ins Auto. Dabei gibt es doch wirklich viele Möglichkeiten, alleine dadurch, dass die Gattung der „S-Pedelecs“ ja verkehrsrechtlich sehr klar definiert ist. Angepasste, zertifizierte Radwege, Geschwindigkeitsbegrenzungen, das ist doch kein Hexenwerk! Herrgott, in der Schweiz funktioniert das doch auch. Und mir sind noch keine Statistiken begegnet, dass die Radfahrerkultur dort durch den hohen Anteil von schnellen Ebikes zusammengebrochen wäre.

Aus dem Jahr 2015 stammt eine vom Umweltministerium geförderte Studie, die sich u.A. auch mit dem Einsatz von S-Pedelecs als Pendelfahrzeuge befasst. Zitat:

„Einzelne Teilnehmer haben ihr S-Pedelec im Projektverlauf verkauft, weil sie den alltäglichen Einsatz als unzumutbar erlebt haben.“

Das kann ich voll und ganz nachvollziehen.

Warum schreibe ich das alles, wo doch jedes Thema schon zig mal in Variationen durchgekaut wurde? Weil seit Jahren nichts passiert, um diesen Missstand zu ändern, und weil wir keine Lobby haben – selbst für den ADFC sind wir ja von den eigenen Pfründen zu verbannen.

Vor Allem schreibe ich das aber, weil endlich was passieren muss in der Verkehrspolitik. Weil der Status Quo, gerade in den Ballungszentren, jetzt schon katastrophal ist und immer schlimmer wird. Und weil ich davon überzeugt bin, dass die verbreiterte Nutzung von S-Pedelecs hier einen großen Beitrag leisten könnte, ich aber meine Hand ins Feuer lege, dass unter der derzeitigen politischen Führung im Verkehrsministerium hier nix, aber auch gar nix passieren wird. Abgesehen von ein paar zigtausend E-Scootern in den Großstädten.

___
Quellen:

(1) manuals

(2) https://www.ziv-zweirad.de/fileadmin/redakteure/Downloads/Marktdaten/PM_2018_13.03._E-Bike-Markt_2017.pdf

2 Kommentare zu „Warum das S-Pedelec als Verkehrsmittel nix taugt

  1. Hat dies auf Crazy42wheels rebloggt und kommentierte:
    Hier ein toll geschriebener Beitrag auf Speeder´s Corner, der die Miesere des Speed Pedelecs in Deutschland auf den Punkt bringt. Verkehrswende geht anders. Deshalb jetzt hier mal geklaut. Vielen Dank thedon42

    Liken

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