So you want to buy a S-Pedelec…

Du erwägst tatsächlich, in Deutschland zum Pendeln ein S-Pedelec zu benutzen und nicht etwa ein Auto? Bist Du wahnsinnig? Herzlichen Glückwunsch!

Vorneweg: Schmeiß bloß nicht gleich die Flinte ins Korn, weil Stammtisch-Kalle* und Zweirad-Ulli* bei dir ums Eck gesagt haben, alles wäre so furchtbar, die Helmpflicht, die Radwege und überhaupt, das mit dem Kennzeichen sähe ja total doof aus.

„Zweirad-Ulli“ und „Stammtisch-Kalle“ haben keine Ahnung.

Das Pendeln per S-Pedelec wird eine wahnsinnige Bereicherung deines Alltags sein. Mit dem richtigen Arbeitsgerät und intelligent ausgewählter Ausrüstung gibt es nur wenige Tage im Jahr, an denen witterungsbedingt das Pendeln per Rad nicht möglich ist.

Dieser Artikel ist eine Art FAQ mit den wichtigsten Fragen und Antworten für Einsteiger und Interessierte.

Also los – wir starten gleich mal mit nem Kracher:

„Ich habe bereits ein normales 25 km/h Pedelec oder könnte günstig an eins kommen. Ist es nicht einfacher, dieses auf 45 km/h zu tunen, statt sich mit den teuren, reglementierten S-Pedelecs rumzuschlagen?“

Einfacher – vielleicht. Aber das Benutzen eines getunten Pedelecs im Straßenverkehr ist komplett unverantwortlich. Warum, kann man mit ein wenig Recherche selber herausfinden. Nur soviel: Wer sein Pedelec auf >25 km/h Unterstützung tunt und damit auf der Straße fährt, bewegt ein nicht zugelassenes KFZ. Im Falle eines Unfalls haftet hier keine Versicherung, sondern der Fahrer persönlich. Kommt ein Personenschaden dazu, entstehen hier schnell existenzbedrohende Summen – sowohl für den Verursacher als auch den Geschädigten. Bottom Line: Finger weg!

„Wieviel kostet ein Einsteigermodell in der S-Pedelec-Klasse?“

Die günstigsten Listenpreise der großen Hersteller liegen etwa bei 3,5k – 4k. Wenn man Glück hat, erwischt man ein Vorjahresmodell. Da kann man unter Umständen unter 3000€ einen Schnapper machen. Einfach zur auslaufenden Saison bzw zum Jahresbeginn die Augen bei den Händlern im Umkreis offen halten.

Gebrauchte S-Pedelecs gibt es natürlich wesentlich günstiger. Aber hier sollte man sich auf jeden Fall sehr gut in der Materie auskennen, um nicht auf die Schnauze zu fliegen – geschenkt gibt es nämlich auch hier nix.

„Meine Pendelstrecke ist XY Kilometer lang, führt über YX Höhenmeter und durch XY Städte. Macht für mich ein S-Pedelec Sinn?“

Hier gibt es wie so oft nicht die eine Wahrheit. Manche Fahrer nutzen fröhlich ihr SPed auf 6km, andere fahren 50 oder gar mehr Kilometer zu ihrer Arbeitsstätte. Ein wenig pauschalisieren möchte ich jedoch schon und auch mit Hinblick auf das Auto als Alternative sagen: Das S-Pedelec brilliert auf Pendeldistanzen zwischen 10 und 40 Kilometern. Darunter ist die Zeitdifferenz zum normalen Pedelec oder Fahrrad recht gering, darüber spielt das Auto seine Stärken aus.

Zum Thema Stadt- und Überlandverkehr ist zu sagen: je höher der Anteil an Überlandstrecke, desto mehr kann das S-Pedelec seine Stärken ausspielen. Lange Strecken ohne viele Stops, auf denen die Höchstgeschwindigkeit gehalten werden kann, das ist das A und O. In den Städten ist die Standzeit viel höher. Hier schmilzt der Vorteil der höheren Endgeschwindigkeit gegenüber dem gewöhnlichen Fahrrad oder Pedelec deutlich dahin.

„Was sind die Faktoren, auf die ich am meisten Wert legen sollte?“

  • sichere und geschützte Verwahrung zu Hause und am Arbeitsplatz
  • Störungsunanfälliges System und hohe Qualität der Komponenten: ein aktiv genutztes Pendel-SPed sieht in einem Jahr so viele Kilometer wie manche Räder ihr gesamtes Leben nicht. Hier zu sparen bedeutet viele Reparaturen, lange Ausfallzeiten, ordentlich Frust und wenig Spaß.
  • Ausreichend dimensionierter Akku bzw. die Möglichkeit, am Arbeitsplatz laden zu können
  • einen Händler oder Servicepartner in Wohnort- oder Arbeitsplatznähe. Letzteres hat den Vorteil: S-Pedelec vor der Arbeit abgeben und abends mit dem gewarteten/reparierten Vehikel zurück.

„Gibt es unter den S-Pedelecs große Unterschiede?“

Die momentan auf dem Markt vertretenen S-Pedelec-Modelle lassen sich in zwei Kategorien unterteilen. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu tief in die Materie einsteigen, deshalb nur ein kompakter Abriss:

Da gibt es die Räder mit Mittelmotor. Hier ist der Motorenhersteller Bosch vor allem in Deutschland der große Platzhirsch. Aber auch andere Hersteller wie beispielsweise Yamaha, Shimano oder Brose stellen Mittelmotoren im S-Pedelec-Segment her. Wie die Beine des Fahrradfahrers übertragen Mittelmotoren ihre Kraft über Kette oder Riemen aufs Hinterrad. Dies hat einen erhöhten Verschleiß des Antriebsstrangs zur Folge. Außerdem wird vielen Herstellern eine unzureichende Motorleistung nachgesagt: sie stehen in der Community der S-Pedelec-Nutzer oft in der Kritik, keine „echten“ 45 km/h dauerhaft zu unterstützen.

Auf der anderen Seite gibt es Räder mit Hinterrad-Nabenmotoren. Diese sind in der Regel geräuschärmer, haben eine erhöhte Lebensdauer und mehr Leistung. Für den Antriebsstrang sind sie nicht so verschleißfreudig wie Mittelmotoren, da sie direkt auf das Hinterrad wirken. Mit Stromer und Klever gibt es zwei Marken, welche sich auf diese Antriebsart spezialisiert haben – sie lassen sich dies allerdings auch einiges kosten. Auch Suntour hat einen 45er Nabenmotor im Sortiment, der von ein paar Fahrradherstellern verbaut wird.

Selbst aus diesen wenigen Zeilen wird klar: Der Nabenmotor ist der perfekte S-Pedelec-Motor. Durch die geringe Verbreitung dieses Verkehrsmittels ist jedoch die Auswahl am Markt überschaubar – und oft für Einsteiger preislich komplett uninteressant. Gleichzeitig möchte ich trotz der angesprochenen Defizite dem Mittelmotor keinesfalls seine Praxistauglichkeit absprechen. Ich selbst fahre einen Bosch Mittelmotor, bei dem ich mir zwar ab und an ein wenig mehr Bumms wünschen würde, der mich aber nach knapp 10k km in zwei Jahren nicht ein einziges mal im Stich gelassen hat. Und am Ende des Tages gibt es im Pendeleinsatz eine Qualität , die über allem anderen steht: die Zuverlässigkeit.

„Wie finde ich heraus, welches S-Pedelec zu mir passt?“

Das Internet hilft beim ersten Schritt: Herstellerseiten lassen stöbern. Mehr oder minder seriöse Blogs (an dieser Stelle: schön, dass ihr hier seid! 🙂 ) und Community-Foren lassen an subjektiven Erfahrungen teilhaben und helfen, einen ersten Eindruck von der Materie zu erlangen.

Aber: Die Wahrheit liegt auf dem Sattel. Also nichts wie raus zu den Händlern und Probe fahren, was das Zeug hält. Nicht das erstbeste Schnäppchen kaufen – ihr kauft ein Gefährt, auf dem ihr viele Stunden in der Woche verbringen werdet. Das will wohlüberlegt sein. So sollte es sowohl von den technischen Präferenzen, aber auch von der Geometrie perfekt zu euch passen.

Und, versteht sich von selbst: Wenn ihr euch in einem Laden gut beraten fühlt, dann honoriert das auch mit dem Kauf. Die paar Euro, die ihr beim Internetkauf spart, sind nicht mit einem kompetenten Ansprech- und Servicepartner zu vergleichen. Und diesen werdet ihr sicherlich brauchen und schätzen, wenn ihr nicht alles an Wartungsarbeiten selbst vollziehen wollt.

„Wie groß sollte der Akku sein?“

Eine wichtige Frage. Mit dem Motor ist der Akku die teuerste und kritischste Komponente eures SPeds. Geht man davon aus, dass der Standard-Pendler seine Strecke mit der größtmöglichen Unterstützung bewältigen möchte, werfe ich folgende Faustregel in den Ring: Ein Akku mit 500wh reicht für Pendelstrecken bis 25 km. Achtung! Nicht für Hin- und Rückfahrt, sondern einfach. Danach müsst ihr zumindest so lange in der Arbeit bleiben, bis der Akku wieder geladen ist. 🙂

Der ein oder andere mag nun meinen, dass 25 km arg pessimistisch gerechnet wäre. Klar – unter optimalen Bedingungen reicht mein 500er Powerpack auch gerne mal für 30 km. Aber ich möchte ganzjährig pendeln, und das heißt auch mal, sich bei Frühjahrs- oder Herbststürmen in den Gegenwind zu hauen – das kostet richtig Strom. Und ja, an manchen Tagen kam der 500er-Akku hier schon bei 25 km an seine Grenzen.

„Spare ich Geld, wenn ich mit dem S-Pedelec statt dem Auto pendle?“

Klare Antwort: Wenn Du das S-Pedelec zusätzlich zum Auto anschaffst: keine Chance. Über den verringerten Spritverbrauch lässt sich natürlich einiges sparen. Aber die Kosten für Anschaffung, Wartung, Verschleißteile, Ausrüstung und Versicherung sind in den meisten Fällen so hoch, dass eine Amortisierung nie eintritt.

Zumal Du auch einiges an Geld für geilen Shit ausgeben wirst, wenn der Enthusiasmus dich packt 🙂

„Es kostet also eine menge Kohle, selbst wenn man nur ein Einsteigermodell wählt. Und dann spart man danach auch nicht wirklich was. Warum zur Hölle sollte ich mir das antun?“

Ganz einfach: Gute Laune, Lebensgefühl und sportliche Betätigung. Hohe Motorunterstützung bedeutet mitnichten, dass man sich nur vom Strom durch die Gegend schieben lässt. Nein – das Rad unterstützt immer nur die abgegebene Leistung des Fahrers. Wenn ich also 45 Minuten in der Früh zur Arbeit fahre und abends 45 Minuten zurück, habe ich schon ein ansehnliches Bewegungsprogramm absolviert.

Vor meiner SPed-Anschaffung bin ich auch mit dem Auto gependelt. Nach einem Arbeitstag haben 30 Minuten Heimfahrt oft dafür gesorgt, dass der Kreislauf während der Fahrt komplett in den Keller gegangen ist und ich vom Fahrersitz eigentlich nur noch auf die Couch rutschen wollte. Mit dem schnellen Pedelec komme ich viel aktiver in den Feierabend.

Und zu guter Letzt: Es macht einfach unheimlich viel Spaß. Mit der richtigen Ausrüstung sogar bei Regen, Kälte und Dunkelheit – sofern daheim eine heiße Dusche wartet. Missen möchte ich das Pendeln per Rad auf keinen Fall mehr und ich kann jedem nur raten, das Wagnis einzugehen und die Welt der S-Pedelecs auch für sich zu entdecken.

* Das sind natürlich fiktive Namen. Ich möchte mich sicherheitshalber bei allen Fahrradhändlern namens Ulli und Stammtischgängern namens Kalle entschuldigen – Alles Zufall!

Vielen Dank fürs Lesen!

Ihr habt Fragen, Anregungen oder findet, eine Frage fehlt noch auf der Liste? Dann kommentiert oder schreibt an speederscorner@mail.de

6 Kommentare zu „So you want to buy a S-Pedelec…

  1. Der Blog füllt sich – Tag für Tag mir ehrlichen Erfahrungen und echten Vorkommnissen. Das wäre jetzt die ideale Zeit, die Werbetrommel für diese Fahrzeuggattung zu schlagen … wobei du und ich ja keine Werbung machen. Sagen wir besser, es ist jetzt die richtige Zeit, die Vorteile diese Fahrzeuge hervorzuheben und auch unsinnige Gestzgebungen anzusprechen.

    Mach weiter so! Welche Blogs von S-Pedelecs gibt es noch?
    – speedpedelecbiker

    Gruß
    Alex

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  2. Hallo Tobi,

    Schön und umfassend zusammen gefasst. Nur eine Anmerkung, ich spare mit meinem S-Pedelec Geld. Trotz Auto in der Garage. Dieses wird wegen dem S-Pedelec nur noch selten für Kurzstrecken eingesetzt und ich kann es länger nutzen. Immerhin knapp 100.000km weniger auf dem Tacho als ohne S-Pedelec.
    Also bei extremer Nutzung ist es schon möglich. Irgendwann tritt die Amortisation ein und dann hat man auch jeden geilen Shit den man kaufen kann.

    Gruss Jens

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Tobi,

      Danke für deinen Blog. Es gibt keine guten Argumente gegen diese Fahrzeug – Gattung. Bin selbst begeisterter Stromer St2– Fahrer und Pendler bei jedem Wetter. 17.000 km in vier Jahren. Jeder Kilometer ein Genuss.

      Lasst uns einfach weiter mit diesen genialen Fahrzeugen fahren. Eine gute Idee setzt sich immer durch…

      Ben

      Gefällt 1 Person

  3. Dieser Blog könnte von mir sein! Bis auf den Klever-Test, auf den ich neidisch bin :-). Ich würde einfach gerne mal testen ob so ein Nabenmotor auch für mein Pendel-Profil passt (44 km und ca. 850 Hm hin-und-zurück, steilste Abschnitte über 20%). Pedelecmonitor-Alex meinte ja schon: Nein, da ist ein MM geeigneter.

    Zurück zu deinem Blog, tehdon42: Ich kann alles was du zum S-Pedelec an sich geschrieben hast und deine eigenen Erfahrungen, nur bestätigen! Mehr muss ich dazu gar nicht schreiben. Übrigens fahre ich seit 2 Jahren (Mai 2018) auch ein Haibike, allerdings mit Yamaha PW.

    Wie können wir noch Werbung machen für diese schöne Fahrrad-Gattung? Bzw. für bessere gesetzliche Bedingungen? Schwierig, weil selbst der ADFC das nur als Randgruppe betrachtet, welche die eigentliche Klientel gefährde. Dabei sind wir doch auch Radler (und öfters auch motorlos unterwegs). Und wollen dasselbe – einen schönen, gesunden und umweltfreundlichen Ersatz für’s Autofahren.

    Grüßle aus dem Karlsruher Raum,
    holzhai

    Gefällt 1 Person

    1. Hey holzhai, vielen Dank für deinen Kommentar! Habe dich natürlich sofort beim PM gestalkt. 🙂 Da haben wir ja eine recht vergleichbare SPed-Geschichte hinter uns – wobei Du von der km-Leistung (und unbestritten von der hm-Leistung) die Nase vorne hast.

      Ja, wie können wir Werbung für die Fahrzeug-Gattung machen? Vor der gleichen Frage stand ich auch lange. Ich hab mich für dieses Blog als ersten Schritt entschieden. Natürlich – ist alles noch ziemlich unstrukturiert hier und das Design sieht lieblos hingeklotzt aus. Aber hey, neben Job, Familie und Hobbys muss man nun mal Abstriche machen. Und wenn „nix tun“ die Alternative ist, kann ich nur raten: einfach machen! Wie Alex weiter oben schon schreibt: Jetzt ist es die richtige Zeit. Je mehr SPed-Piloten ihre Erfahrungen teilen, desto besser.

      Viele Grüße,
      Tobi

      Gefällt 1 Person

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