„Nationaler Radverkehrsplan 3.0“ – inklusive S-Pedelecs?

Es ist Wahljahr! Zeit also, die ganz großen Kanonen aus dem Keller zu holen und sich die ambitioniertesten Ziele auf die Fahnen zu schreiben. Natürlich zählt das auch fürs heißen Eisen Verkehrswende.

So beschließt die Bundesregierung am 21. April 2021 den Nationalen Radverkehrsplan 3.0, der laut Verkehrsminister Andreas Scheuer „Deutschland zum Fahrradland“ machen soll.

Wichtiges Ziel dieser Kampagne ist unter Anderem, den Radpendelverkehr zu stärken und hierdurch möglichst viele PKW-Fahrten einzusparen. Löblich!

Konsequenterweise müsste da natürlich auch das S-Pedelec als wichtiger Baustein zum Erreichen dieses Zieles mit einbezogen werden. Warum? Da reichen ein paar Zahlen aus dem statistischen Bundesamt zum Thema „Berufspendler in Deutschland„:

  • 27,5% aller Berufspendler legen auf ihrem Arbeitsweg Distanzen von 10-25km zurück
  • 13,1% bewegen sich 25-50km weit

Zugegeben: 50km Pendelweg sind auch auf einem leistungsfähigen S-Pedelec ein ziemliches Brett. Um hierfür tagein, tagaus bei Wind und Wetter den inneren Schweinehund zu überwinden, muss man schon ein ziemlicher Enthusiast sein.

Aber auf Strecken von 10-30km können schnelle Pedelecs ihre Stärken voll ausbauen, ohne gegenüber dem Auto eine zu hohe Fahrzeitdifferenz zu verzeichnen. Hier wäre das S-Pedelec auch für die breite Masse interessant.

…zudem sieht man noch einiges von der Natur!

Ohne sich allzu weit aus dem Fenster zu lehnen, kann man also aus den Prozentzahlen ableiten: Für mehr als 30% aller Pendler wäre das S-Pedelec ein probates Verkehrsmittel zur Bewältigung des täglichen Arbeitsweges. Das muss man erst einmal sacken lassen:

mehr als 30%!

Aller Pendler!

Solche eindrucksvollen Werte kann doch ein Nationaler Radverkehrsplan nicht ignorieren! Hier müssen doch schnellstens vernünftige verkehrsrechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit das S-Pedelec in Deutschland nicht an der eigenen widersinnigen Bürokratie erstickt.

Und tatsächlich, auf Seite 24 des Plans findet sich folgende Randbemerkung:

Der Bund überprüft […] das Radwegebenutzungsrecht
außerorts für S-Pedelecs.

„Nationaler Radverkehrsplan 3.0“, S. 24

No more, no less. Ehrlich gesagt bin ich allerdings schon froh, dass das Thema S-Pedelecs überhaupt in irgendeiner Weise in dem Plan auftaucht.

Links der Leitplanke wäre auch noch asphaltiert. Und dort wird man auch nicht angehupt, bedrängt oder verkehrswidrig überholt.

Ich will aber nicht immer nur meckern. Auch wenn wir von den Voraussetzungen, wie sie beispielsweise in manchen europäischen Nachbarländern herrschen, noch Lichtjahre entfernt sind.

Und ganz ehrlich: Das Verbot der Radwegmitbenutzung außerorts ist DER Hauptgrund, weshalb die Verbreitung des S-Pedelecs in Deutschland seit Jahren unter 1% dümpelt.

Wie könnte also eine Radwegfreigabe für S-Pedelecs in Deutschland aussehen?

Auf der Fahrbahn ist 100, auf dem Radweg gähnende Leere. Der geeignete Platz fürs SPed ist ein no-brainer.

Einfachste und pragmatischste Lösung: S-Pedelecs dürfen alle Wege befahren, die auch für Mofas freigegeben sind. Das beinhaltet:

  • Jeden Radweg außerorts, sofern hier Mofas nicht explizit verboten sind.
  • Alle innerörtlichen Radwege, die mit dem Zusatzschild „Mofas frei“ versehen sind.
  • Alle außerörtlichen Feld-, Wald- und Wirtschaftswege, die ebenso mit dem Zusatzschild „Mofas frei“ versehen sind.
Auch hier wäre Platz genug. Und im Gegensatz zu den alten Knattermopeds werden die Vierbeiner vom SPed nicht beim Mittagessen gestört.

Allerdings wäre für S-Pedelecs auf freigegebenen innerörtlichen Radwegen eine Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h auf jeden Fall nötig. Ansonsten könnte man diese Regelungen jedoch in den meisten Fällen 1:1 übernehmen. Und ganz im Ernst: Mofa fährt doch heute eh kaum noch wer 😉

Hoffen wir also, dass der Bund die Radwegemitbenutzung für S-Pedelecs nicht nur überprüft, sondern hier auch baldmöglichst entsprechende Rahmenbedingungen schafft. In diesem Zusammenhang kann ich den Entscheidungsträgern nur ans Herz legen, selbst mal ein paar Wochen mit dem S-Pedelec in die Arbeit zu pendeln.

Kann nämlich auch recht idyllisch sein 🙂

Und wenn nach der Umsetzung noch Energie für ein paar weitere sinnvolle Regelungen da ist, hätte ich hier noch ein paar weitere Wünsche an die Verkehrspolitik.

Veröffentlicht von speeder's corner

Betreiber von speederscorner.com - Blog für S-Pedelec-Kultur in Deutschland. Hier schreibe ich über die allgemeine Situation aber auch meine persönlichen Erlebnisse mit dem schnellen Pedelec im ganzjährigen Pendeleinsatz.

Ein Kommentar zu “„Nationaler Radverkehrsplan 3.0“ – inklusive S-Pedelecs?

  1. Ja, wir freuen uns schon über Kleinigkeiten, das ist doch schön! Immerhin werden S-Pedelecs im aktuellen Radverkehrsplan zweimal erwähnt, das zweite Mal nur so ganz nebenbei („Die Anforderungen von Pedelecs und S-Pedelecs werden berücksichtigt.“).
    Und im Glossar steht dann sogar noch eine überholte Regelung: „Die maximal erlaubte Nenn-Dauerleistung der Motoren liegt bei 500 Watt“. Peinlich?

    Jetzt weiß ich leider immer noch nicht, wie wir die S-Pedelecs besser vermarkten können. Abwarten? Immerhin sehe ich immer mehr E-Autos auf den Straßen, aber die werden auch stark vom Staat gefördert.

    Übrigens halte ich deine 30% (möglicher Anteil von S-Peds bei Pendlern) eher für theoretisch. Es würde auch bei guten Regelungen nicht jeder auf ein S-Ped umsteigen wollen. Manchen ist das einfach zu schnell, oder bringt vielleicht gar keine Vorteile (weil zu viel Stadtverkehr o.ä.). Aber egal, mehr würden es sicher werden, wenn die Gesetzeslage besser wäre (siehe in der Schweiz, Belgien, Niederlanden).

    Also hoffen wir einfach auf eine schöne Radel-Zukunft. Deutschland scheint sich langsam auf den richtigen Weg zu machen. Das wird!

    So, ich muss mich jetzt noch ein bisschen von der heutigen Pendelfahrt erholen – bin durch das viele Home Office anstrengendes Radeln nicht mehr gewohnt 😉

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